120 Bäume fällen für eine sanierte Straße – muss das sein?

Foto: H.-J. Schlaak

Foto: H.-J. Schlaak, Schöneiche

Das ist der Kieferndamm in Schöneiche. Er soll seit Jahren saniert werden. Dafür gibt es viele Gründe. Das Pflaster ist rumpelig, das Regenwasser fließt schlecht ab, der Fußweg ist kaputt und wird meist von den Radfahrern mitbenutzt. Die Sanierung wurde seit Jahren verschoben, weil andere Projekte dringender waren. Jetzt ist der Ärger groß: 123 von 140 Bäumen sollen gefällt werden. Muss das sein?

Das kommt darauf an, wie man es sieht. Die Planung sieht eine Verbreiterung der Straße von 5,5 auf 6 m vor. Außerdem soll auf beiden Seiten ein gemeinsamer Fuß- und Radweg gebaut werden, und Parktaschen soll es zusätzlich geben. Das Regenwasser soll unter der Straße versickern. Dafür muss gebaggert werden.  Viele der Bäume sind so alt, dass sie die Beschädigungen, die dabei entstehen, vermutlich nicht überleben würden. Deshalb sollen 90 Bäume in der Straße neu gepflanzt werden, weitere 50 an anderen Stellen, und dann steht noch eine Summe von 30.000 € für weitere Ausgleichsmaßnahmen zur Verfügung. Soweit die eine Sicht der Dinge.

Es gibt mehrere Haken. Einer ist der optische. Der Charakter der Straße wird sich völlig verändern, und damit auch der Charakter der  gesamten Gegend. Auf den anliegenden Grundstücken steht jetzt schon kein dichter Baumbestand mehr. Die neu gepflanzten Bäume werden über viele Jahre nicht die Größe des alten Bestandes erreichen. Die Straße wird so ähnlich aussehen wie die Jägerstraße oder die Woltersdorfer Straße und ihren Alleecharakter verlieren. Das ist jetzt auch der Märkischen Oderzeitung aufgefallen. Ihr Artikel, der heiß kommentiert wurde, titelt „Schöneiche lässt 120 Bäume roden“. Das passt weder zum Image Schöneiches als Waldgartenkulturgemeinde noch zum Naturschutz.

Der Autoverkehr soll auf 50 km/h beschleunigt werden, die bestehende Tempo-30-Begrenzung wird aufgehoben. Da die Straße gerade und relativ übersichtlich ist, ist zu erwarten, dass sogar noch schneller gefahren werden wird. Das dürfte die erhoffte Minderung des Verkehrslärms durch die Asphaltierung zunichte machen, vermutet auch Dr.-Ing. Schlaak, der den Lärmpegel gemessen hat. Außerdem ist mit zusätzlichem Verkehr zu rechnen.

Foto: Dr. H.-J. Schlaak

Foto: H.-J. Schlaak

Die Planung separater Radwege entspricht nicht den aktuellen verkehrspolitischen Vorgaben. Das Bundesverwaltungsgericht urteilte 2010, dass Radwegschilder nur noch in Ausnahmefällen aufgestellt werden dürfen, nämlich bei einer „besonderen örtliche Gefahrenlage“. Warum ist das so? Viele Radfahrer fühlen sich auf separaten Radwegen sicherer. Das Gefühl trügt allerdings.

Dadurch, dass die Radfahrer hinter den parkenden Autos versteckt werden, sind sie für Autofahrer schlecht wahrnehmbar. Es kommt immer wieder zu Abbiegeunfällen, die oft tödlich enden. Deshalb werden z.B. in Berlin oder Potsdam überhaupt keine separaten Radstreifen mehr neu geplant und die bestehenden nach und nach in Fahrradstreifen auf der Straße umgewandelt. Das hat den erwünschten Nebeneffekt, dass der Verkehr im Ort verlangsamt wird. Da der Kieferndamm von vielen Schulkindern überquert wird, wäre das auch hier durchaus sinnvoll. Der Fuss e.v. rät im übrigen generell von gemeinsamen Fuß- und Radwegen ab, weil dort meist nicht genug Rücksicht auf die Fußgänger genommen wird. So oder so stellt sich die  Frage, warum die Anlage auf beiden Seiten gebaut werden soll. Bisher reicht der Fußweg auf der Nordseite völlig aus.

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Dazu kommt eine weitere Unstimmigkeit: Der Ausbau erfolgt nur auf dem Abschnitt zwischen Heideweg und Woltersdorfer Straße, da der Eigentümer Berliner Forsten trotz langer Verhandlungen für das restliche Stück keine Baugenehmigung erteilt. Das heißt, das Ziel, eine Durchfahrtsstraße („Südring“) zu bauen, kann sowieso in absehbarer Zeit nicht realisiert werden.

Fazit: Man könnte den Umbau auch anders planen und sollte das auch tun, schon weil die Planung von 2007 nicht mehr die aktuellen Anforderungen der Verkehrsplanung erfüllt. Die Fällungen als unvermeidbar darzustellen ist also falsch.

Nachtrag: Inzwischen regt sich auch bei den Anwohnern Widerstand gegen die Planung. Allerdings weniger wegen der Bäume als wegen der Kosten, die zu einem großen Teil auf die Anwohner umgelegt werden. Kritisiert wird vor allem der gestückelte Fuß- und Radweg auf der Südseite, der als unnötiger Luxus empfunden wird. Die MOZ berichtet.

2. Nachtrag: Die Bäume sind weg.

3. Nachtrag 18.5.: Wie gefährlich separate Radwege auch in Schöneiche sein können, sieht man an dieser aktuellen Meldung im Portal „Unser Oder-Spree“: Ein Radfahrer wurde auf einem Radweg von einem abbiegendem Auto angefahren.

4 Gedanken zu „120 Bäume fällen für eine sanierte Straße – muss das sein?

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